Portrait

Colin Towns‘ Mask Orchestra

Colin Towns Portrait

Colin Towns ist einer der schillerndsten Musiker Englands. Seit den 1970ern komponiert er Filmmusik für Hollywood, war Keyboarder in den Heavy-Metal-Bands des Deep Purple Sängers Ian Gillan und führt seit den 1990ern mit seinem Mask Orchestra eine der hinreißendsten Big Bands weltweit.

Ich traf Colin Towns im Sommer 1998 zu einem mehrstündigen Gespräch im Kölner „Café Central“. Die Organisatoren des Jazzfest Berlin riefen kurz danach an, ob ich für ihr Programmheft im November 1998 ein Portrait über Towns beisteuern könnte. Hier folgt mein Portrait, nach 18 Jahren zum ersten Mal online verfügbar.

Colin Towns‘ Mask Orchestra – die Herzensangelegenheit

Colin Towns ist einer der gefragtesten britischen Filmmusik-Komponisten, was „materielle Sicherheit gibt“, wie er sagt, doch dem kleinen, sympathischen Londoner nicht zum Glücklichsein reicht. Denn Towns steht auch gern als Jazz-Produzent am Pult – gerade hat er Aufnahmen mit der NDR Big Band abgeschlossen. Wenn es dann die Zeit erlaubt setzt er sich in den Chefsessel seines Labels Provocateur Records, ansässig in Fordwich/Canterbury, und checkt die Zahlen. Über dieses Label bringt der Jazzfreak seine eigentliche Herzensangelegenheit an die Öffentlichkeit: die Musik des Colin Towns‘ Mask Orchestra, das Furcht und Erregung verbreitet, wo es auch spielt. Denn es spielt so gut.

„Spektakuläre Effekte und furchterregende solistische Kraft“

Seit dem Live-Debut des Colin Towns‘ Mask Orchestra im Rahmen des Londoner Festivals „The Outside In“ Anfang der 1990er reißen die Äußerungen in Superlativen über diese Big Band nicht ab. Und war die erste CD „Bolt From The Blue“ schon 1991 ein Gifpeltreffen der einflussreichsten britischen Jazzer, so machte der fünf Jahre später veröffentlichte Nachfolger „Nowhere & Heaven“ klar, weshalb Towns sein Mask Orchestra eben nicht Big Band genannt hatte: Die „spektakulären Effekte und ihre furchterregende solistische Kraft“, wie das tonangebende Londoner Szene-Magazin Time Out staunte, waren in den komplexen Jazz-Kompositionen von Towns angelegt. Und Kompositionen, Bitteschön, spielt ein Orchester. Da ließen sich Dinge hören, die selbst für den von Gil Evans befreiten Big Band Sound befremdlich sind und schon nach klassischer Programm-Musik duften.

„Ich denke beim Komponieren immer dramaturgisch, als schriebe ich Musik für ein Theaterstück.“

So rauscht im Titelstück „Nowhere & Heaven“ zunächst ein Zug vorüber, worauf man meint ein Baby kreischen zu hören. Sonntagsglocken und Vogelzwitschern erklingen. Es gibt einen süßen, melodischen Bruch in der Mitte, woraufhin die schwebenden Geräuscheindrücke zurückkehren. Klar, hier wird eine Geschichte erzählt. Towns verrät, welche: „Dieses Stück basiert auf dem Film ‚Zeit des Erwachens'“, und er räumt lachend ein: „Ich hätte es vielleicht auf dem Album erwähnen sollen.“

„Zeit des Erwachens“, 1991 in den Kinos mit Robert de Niro und Robin Williams in den Hauptrollen, erzählt die authentische, vom Neurologen Oliver Sacks aufgezeichnete Geschichte von Leuten, die in den 1920er Jahren durch eine epidemische Schlafkrankheit für 30 Jahre und mehr in einen komaähnlichen Zustand gefallen waren. Sie wachten durch eine Injektion Dopamin für eine kurze Zeit auf, um dann unwiderruflich in die Apathie zurückzufallen. „Einer dieser Leute erwachte singend. Das ist die süße Melodie genau in der Mitte des Stücks“, so Towns.

Hinter anderen Kompositionen aus Towns‘ Feder stecken ähnliche erzählerische Konzepte. Für ihren Schöpfer nichts Besonderes: „Ich arbeite täglich für den Film. Das ist mein Broterwerb. So denke ich immer dramaturgisch, so als schriebe ich Musik zu einem Theaterstück.“

Colin Towns - Soundlandschaften im Kopf

Colin Towns – Soundlandschaften im Kopf

Bei Towns ordnet sich die Improvisation der Komposition „mit solistischen Parts“ unter. So wundert es nicht, dass Towns im März dieses Jahres in der Londoner Queen Elizabeth Hall sein Mask Symphonic vorstellte, wo er seine Jazzer mit klassischem Orchester kombinierte. Eine lange gehegte Vision, die in Erfüllung ging.

„The Full Circle mit Mia Farrow brachte den Durchbruch“

Bei allem Erfolg entbehrt der Weg zu Colin Towns‘ Selbstverwirklichung nicht der Tragik. Schon als Teenager erspielte sich der kleine Colin ein bisschen Geld in Jazzbands oder als anmietbarer Hochzeits-Pianist, denn vom Jazz allein ließ sich nicht leben. Eine erste Festanstellung bei CBS als Haus-Songwriter brachte 1975 den Durchbruch zum Filmmusik-Komponisten. Towns‘ synthielastige Musik zum Film „The Full Circle“ (mit Mia Farrow) hat heute Kultstatus, brachte damals aber kein Geld. Es reichte für den damals 27-Jährigen und seine Frau Jan hinten und vorne nicht.

„Immerhin bereicherte ich das Keyboard-Spiel im Heavy-Metal mit Klängen, die dort sonst nie zu hören gewesen wären“

Towns nahm 1976 „gezwungenermaßen“ das Angebot von Deep Purple Sänger Ian Gillan an, in dessen Jazz-Rock-Band einzusteigen. Über die Jahre machte Towns sogar echte Heavy-Metal-Alben mit GILLAN. „Immerhin bereicherte ich das Keyboard-Spiel im Heavy-Metal mit Klängen, die dort sonst nie zu hören gewesen wären“, sagt Towns. Gerade als Ende der 1980er Jahre mehr Geld für seine Filmmusiken reinkam und die lange gehegten Jazz-Pläne vor der Verwirklichung standen, starb Colins Frau Jan Towns. „Sie war es, die mich ständig angetrieben hatte, meine Vision des Jazz zu verwirklichen. Und nun dachte ich mir, jetzt muss ich es tun.“ Dass Konsequenz gefordert war, wusste Towns im Entscheidungsjahr 1990: „Entweder ich fand eine Plattenfirma, die mir Geld und Geduld geben wollte, oder ich müsste alles allein machen, was ich dann tat.“

Parallel zu dem Auftritt beim Jazzfest Berlin am Sonntag, 8. November 1998, dem Debüt des Colin Towns Mask Orchestra auf dem Kontinent, erscheint übrigens das neue Album „Still Life“ des Colin Towns Mask Quintet mit Maria Pia de Vito.

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