Review

Hörbuch – Nick Hornby „Juliet Naked“

Juliet Naked von Nick Hornby

„Juliet Naked“ ist ein süßer Schrecken für alternde Rockfans. Grandios gelesen von Schauspieler Helmut Zierl.

Wer hat an der Uhr gedreht? „A Long Way Down“, die Geschichte über vier Selbstmörder, die dann doch lieber leben wollen, ist nicht das neueste Buch von Nick Hornby. Das ist so, seit „Slam“ 2007 erschien, Hornbys Buch über die Teenie-Elternschaft von Sam & Alicia. Doch, ich merke, du bist ja hoffnungslos out-dated: „Juliet Naked“ noch nicht gelesen? Oder gehört? Das ist der neue Hornby. Ich habe mir Nick Hornbys neuen Roman in den vergangenen Tagen von Helmut Zierl vorlesen lassen, der seit Jahrzehnten im öffentlich-rechtlichen TV Schmusigkeiten von sich gibt. Als Vorleser von „Juliet Naked“ blitzen seine einzigartige Stimme und sein hinreißendes schauspielerisches Talent auf.

Der 40-jährige Musikfan Duncan, Annie und Altstar Tucker Crowe

Hornby widmet sich in „Juliet, Naked“ dem etwa 40-jährigen Musikfan Duncan und seiner wenig jüngeren Freundin Annie. Seit 15 Jahren sind sie ein Paar. Kinder? Haben beide nie richtig darüber nachgedacht. Für Annie aber ist das Thema noch nicht durch. Während Duncan seine ganze Leidenschaft in die Verehrung eines Musikers steckt: Den seit 1986 nicht mehr aktiven U.S.-Songwriter Tucker Crowe. Annie muss sogar im Urlaub mit Duncan in die USA, um legendäre Stationen des Musikers zu besuchen. Doch der bleibt mysteriös untergetaucht. Duncans fanatische Verehrung für Crowe geht Annie endgültig auf die Nerven, als bisher unveröffentlichte Aufnahmen von ihm erscheinen: Duncan hält diese Songs für mindestens so heilig wie die Zehn Gebote. Annie hält sie für Trash.

Der Altstar meldet sich nach 23 Jahren – bei Annie

Also beteiligt sich Annie mit einer wohlfeilen Negativ-Kritik in Duncans weihevollem Tucker Crowe-Blog. Plötzlich, nach 23 Jahren der Zurückgezogenheit, meldet sich Tucker Crowe zurück aus der Versenkung. Tucker dankt Annie per E-Mail für ihre vernichtende Kritik, das sehe er genauso. Der Altstar, mittlerweile Vater einer Schar Kinder, beginnt Annie regelmäßig zu schreiben und sie zu mögen, während der ahnungslose Duncan mit einer Arbeitskollegin ins Bett hüpft.

„High Fidelity“ für Fortgeschrittene

Nick Hornby hat sein „High Fidelity“ für Fortgeschrittene geschrieben. Wie ist es, wenn die Musik noch immer im Mittelpunkt steht, aber eben auch eine alte, leicht angesäuerte Liebe? Wie ist es, wenn Kinder den Ton angeben und Eltern versagen? Nick Hornby vermittelt in hinreißenden Dialogen einen authentischen Eindruck davon, bleibt aber – das ist sein Stil – konsequent versöhnlich.

Nick Hornby und ich – alte Säcke mit Kindern

Fühlte ich mich von „High Fidelity“ 1995 ertappt, so geht es mir mit „Juliet Naked“ heute nicht anders. Im Unterschied zu damals habe ich heute Kinder, wie Nick Hornby. Einige Kritiker tun die Gemengelagen in „Juliet Naked“ als ‚langweilig‘ oder ‚vorhersehbar‘ ab. Hornby aber ist und war nie Thriller-Autor, nie ausgebuffter Konstrukteur einer Story. Seine Stories sind gern vorhersehbar, auch „Juliet Naked“. Doch das tut der Qualität Hornbys keinen Abbruch. Er ist einer, der uns in die Beziehungskarten schaut, unsere Heldenträume um Fußball, Frauen und Musik sehr charmant entlarvt. Reicht das, um ein großartiger Schriftsteller zu sein? Klar. Auch in „Juliet Naked“.

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