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Ray LaMontagne „Ouroboros“

Ray LaMontagne "Ouroboros"

Der US-Amerikaner Ray LaMontagne trägt Rauschebart und ist aktuell denkbar als Werbe-Gesicht für Tesla oder Jack Wolfskin. Doch der Mann belegt seit seinem Debut-Album „Trouble“ in 2004, dass er ein begnadeter Sänger und Songwriter ist – und bewirbt also sein eigenes Produkt.

Bei seinem Produktmanagement greift Ray LaMontagne auf eine Ära zurück, in der langes Haar noch politisches Statement war: Die End-1960er der Beatles, Cream, Pink Floyd und der Folk-Rocker Crosby, Stills, Nash & Young. Mit seinem neuen Album „Ouroboros“ belegt LaMontagne erneut sein Talent, aus Retro-Inspiration frische Folk-Psychedelia für die Hipster-Cafés dieser Welt zu zaubern. Und ja, wieder ist er da, dieser gehauchte Ray LaMontagne-Gesang.

„Homecoming“ könnte Stunden laufen

Für mich steht für das gesamte Album „Ouroboros“ der erste Song im Zentrum: „Homecoming“. Eine magische Gesangsmelodie breitet sich im Hall des Universums aus. Die simple Instrumentierung mit Westerngitarre, Piano und kleinem Drumset wirkt hinreißend archaisch und gleichzeitig widersinnig wie Electronica-Sounds. Ganze 8 Minuten und 30 Sekunden erklingt das Song-Wesen, und es könnte Stunden anhalten ohne zu langweilen.

Der zweite Song auf „Ouroboros“ namens „Hey, No Pressure“ wirkt nach dem akustischen Rausch als Störer. Denn hier gehts elektrisch mit Gibson-Riffs und Fuzz-Sounds, wie Eric Clapton sie bei Cream einsetzte, los. Der ätherische Gesang Ray LaMontagnes zieht jedoch auch diese Härte in seine frische Klangwelt. Gleiches gelingt ihm in „The Changing Man“. Wie bei den frühen Pink Floyd brüllt ein kreisender E-Gitarren-Riff Verzweiflung heraus, den Ray LaMontagne mit zum Chor gedoppelter Stimme einfängt. Ähnlich macht er es im psychedelisch-stampfenden „While It Still Beats“, das er in chorischer Seligkeit heimführt. Auch hier stehen die frühen Pink Floyd entfernt Pate.

Sounds von Pink Floyd, Beinahe-Samples von Neil Young

Und dann führt Ray LaMontagne das Album zurück zum akustischen Anfang: „In My Own Way“ basiert klar auf Neil Youngs Song „Harvest Moon“ (1992) – und dann überrascht Ray LaMontagne mit seinem Talent, dieses Beinahe-Sample mit seinem einzigartigen Gesang und exquisiten Retro-Gitarren-Sounds und tollen Melodien zu überlagern. Das ist sensationell in seiner Wirkung. Mit „Another Day“ folgt mein zweiter Favorit des Albums. „Spring is here, then spring is past. The sounds of summer settle in, a snake slips through the grass. Summer play.“, flüstert Ray LaMontagne in einer betörender Melodie, so als habe er soeben eine Vision gehabt (oder einen positiven Rauschzustand erlebt, wir wissen es nicht).

„Ouroboros“ handelt vom Gefühl zu wissen, wo man hingehört

Der nächste Track „A Murmuration Of Starlings“ ist ein erneut an die frühen Pink Floyd und sogar an The Orbs „Spanish Castles In Space“ erinnerndes Instrumentalstück. Gut gemacht, jedoch nicht überragend, die schmalen 2 Minuten 33 Sekunden hält das Instrumentalstück aber aus. Akustisch endet „Ouroboros“ mit „Wouldn’t It Make A Lovely Photograph“. In aller Sanftheit und Glückseligkeit singt Ray LaMontagne vom Gefühl genau zu wissen, wo er hingehöre. Gut so.

Ray La Montagne und die Erleuchtung durch Stephen Stills

Wie bei Wikipedia nachzulesen ist, begann Ray LaMontagne seine Musiklaufbahn mit einem Erlebnis der Erleuchtung: Er lauschte 1991 dem Solo-Album des damals schon ältlichen Stephen Stills „Stills Alone“. Nach diversen Flops spielte Stills damals nur mit seiner Westerngitarre und sang dazu. Einer der Songs war das von ihm bereits 1968 geschriebene Stück „Treetop Flyer“. Die 5 Minuten 30 Sekunden meditativen Fingerpickings reichten, dass Ray LaMontagne seinen Job in einer Schuhfabrik kündigte und fortan von seiner Bestimmung als Musiker überzeugt war. Unser Glück, dass er ganze 13 Jahre in kleinen Bars ertragen hat und 2004 mit dem Produzenten Ethan Johns sein Debut auf die Straße brachte. „Ouroboros“ ist sein mittlerweile sechstes Album.

Zum Genießen – Ray La Montagnes „Ouroboros“

Interessant: Während Stephen Stills aktuell in seinen 70ern mit seiner neuen Band The Rides den Blues wiederentdeckt und dabei mäßige Frische verbreitet, bezieht sich ein Ray LaMontagne auf Stills und haut einen innovativen Multiseller nach dem anderen raus. Gretchen-Frage: Sollte ein Herr Stills sich mit Herrn LaMontagne mal auf sich selbst besinnen? Und auf die Basis seiner Twen-Geniestreiche wie „4+20“ und „Love The One You’re With“ Neues bauen? Hätte, könnte, söllte. Wird er aber nicht. Das muss schon ein Ray LaMontagne erledigen. Genießt „Ouroboros“ und, hey, freuen wir uns auf den nächsten Streich.

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