Live Review

Ritchie Blackmore’s Rainbow – Live 17.06.2016 auf der Loreley

Rainbow Live Loreley 17. Juni 2016

Hunderttausende Fans fieberten auf diesen Moment hin: Der Gitarrist Ritchie Blackmore (71) würde den Mittelalter-Pop von Blackmore’s Night ruhen lassen und für drei Konzerte die 1970er Jahre Klassiker seiner Bands Deep Purple und Rainbow spielen.

Nach 19 Jahren war es am Freitag, 17. Juni 2016 soweit. Mit neuen Mitgliedern seiner einst legendären Band Rainbow bestieg Ritchie Blackmore die Bühne bei St. Goarshausen auf der Loreley. Und er hatte seine cremefarbene Fender Stratocaster dabei. Schaffte Blackmore es, seine Magie erneut heraufzubeschwören?

Plastik-Poncho, Gummistiefel, ein Becher Bier

Um 17.00 Uhr ist Einlass für die rund 15.000 Konzertbesucher. Das Durchschnittsalter pendelt sich bei rund 45 Jahren ein. Zu 80 % männlich. Haarkränze so weit das Auge reicht. Das „Deep Purple“-, „Rainbow“-, „Black Sabbath“- oder „Iron Maiden“-T-Shirt unterm Plastik-Poncho für 3 €. Die Füße in Gummistiefeln. Denn die katastrophalen Regenfälle der letzten Wochen machen auch heute über der Loreley nicht halt. Wegen der Schlammmassen muss der Eingangsbereich bald geschlossen werden. Im oberen Bereich applaudieren Grüppchen vor den Bier- und Würstchenbuden jedem, der in der leichten Schräge ausrutscht und spektakulär aufs Gesicht fällt, während der Bierbecher 1A in die Luft gereckt bleibt.

„Schneid dir die Fingernägel und los!“

Thin Lizzy legt als erste Vorgruppe mit dem noch originalen Mitglied Scott Gorham einen überraschend überzeugenden Auftritt hin. Danach breitet sich Langeweile bei Manfred Mann’s Earth Band aus – wetterbedingt aber kommt Freude auf: Die Wolkenberge verziehen sich.
Kaum erscheint ein Hubschrauber am Himmel, klingt aus den Grüppchen die Überzeugung: „Das ist Blackmore, der würde nie mit dem Auto kommen.“ Und wann Blackmore loslegen wird, weiß hier auch jeder: „Der mag das nicht, wenn es noch hell ist, der legt erst los, wenn die Sonne untergegangen ist, so gegen 22 Uhr.“ Falsch gedacht. Unspektakulär, kurz vor 21.30 Uhr – eben hatte ein 60-Jähriger vor mir Richtung Bühne gerufen „Schneid dir die Fingernägel und los!“ -, da besteigt in der Abenddämmerung Ritchie Blackmore die Bühne.

Ritchie Blackmore wollte weder David Coverdale noch Joe Lynn Turner, er wollte Ronnie Romero als Sänger

Und da steht der Mann, der mit „Smoke On The Water“ den populärsten Rock-Riff aller Zeiten komponiert hat, der als Solist schon seit 1968 mit seinem aggressiv-virtuosen Gitarrenspiel die Grundlagen für den Hard-Rock erweitert und für den Heavy-Metal gelegt hat – einst ein Innovator, ein Kreativer und zwischenmenschlich stets ein Schwieriger. Heute will er der Rockwelt zeigen, dass er es noch draufhat; alte Weggefährten wie den Sänger David Coverdale (ex-Deep Purple, Whitesnake) hat er abgelehnt, ebenso Sänger Joe Lynn Turner (ex-Rainbow), der sich selbst intensiv ins Gespräch gebracht hatte.

Seine Band rekrutierte Blackmore zum Großteil aus Blackmore’s Night: So sitzt David Keith hinter dem Schlagzeug, Bob Nouveau spielt Bass und die Backing Vocals übernimmt Gattin Candice Night. An den Keyboards ist Jens Johansson von Stratovarius und für die schwierigste Aufgabe des Abends hat Blackmore Ronnie Romero engagiert, den Sänger von Lords of Black. Ronnie Romero muss das Repertoire gleich von fünf unvergleichlichen Rock-Shoutern (Ian Gillan, David Coverdale, Ronnie James Dio, Graham Bonnet, Joe Lynn Turner) vor den eingefleischten Fans rüberbringen. Die Gretchen-Frage hier und heute: Kann ein 71-jähriger Gitarrist mit seinen Jungspunten die Magie seiner besten Phase vor 40 Jahren noch einmal heraufbeschwören?

Der Opener: Highway Star

Die Melodie aus dem Film „Wizard of Oz“ eröffnet das Konzert, doch anstatt mit dem für Rainbow typischen „Kill The King“ beginnt Blackmore die Show mit dem Deep Purple Opener „Highway Star“. Hier wird sofort deutlich, dass die Band nicht eingespielt ist, dass der Bass-Sound merkwürdig knödelig heraussticht, dass Blackmore sich in seinem seit Jahrzehnten immer gleichen Solo leicht verhaspelt – und dennoch Sänger Ronnie Romero gut besteht.

Rainbows „Spotlight Kid“, eine kurze Version von Deep Purples „Mistreated“ folgen. Dann Rainbows „Since You’ve Been Gone“ aus der Graham- Bonnet-Ära. Eine akzeptable Version von „Man On The Silver Mountain“ aus Rainbows bester Phase mit Ronnie James Dio lässt mich über den Sänger Ronnie Romero staunen, er klingt wie Blackmore es verkündet hatte „wie eine Mischung aus Ronnie James Dio und Freddie Mercury“. Als Romero „Catch The Rainbow“ ankündigt, hat er sich offensichtlich vertan. Blackmore reagiert grantig, schüttelt sauer den Kopf, hält Romero ein Blatt mit der Tracklist vor die Nase. Romero entschuldigt sich, lacht nervös und nach ein paar Sekunden spielt Blackmore dann doch die sanfte Melodie zu „Catch The Rainbow“ an. Vielleicht war der Irrtum inszeniert und Blackmore spielte auf der Bühne den Schwierigen? Wir wissen es nicht. Es wäre Humor nach Blackmore’s Art. Das Instrumentalstück „Difficult To Cure“ folgt, Blackmore’s Rockversion zu Beethoven’s „Freude schöner Götterfunken“.

Perfect Strangers

Ronnie Romero übernimmt jetzt die Vorstellung der Band. Da er sich nicht selbst vorstellt, greift Ritchie Blackmore zum Mikrophon und spricht seltene Worte: „Ich habe offensichtlich eben erst sprechen gelernt… Wir haben heute einen Sänger hier, der einfach außergewöhnlich ist: Ronnie Romero.“ Blackmore lacht den Namen leicht höhnisch heraus. Hört und seht es euch im Video an.

Child In Time

Für mich ein musikalischer Tiefpunkt des Konzertes ist „Child In Time“. Candice Night an den Backing Vocals und Ronnie Romero singen so schief, dass ein Dieter Bohlen gesagt hätte: „Tut mir nicht leid, ihr seid nicht weiter.“ Das Publikum akzeptiert diese Fehler und trotzdem wird auch spürbar, dass Blackmore in diesem dramaturgisch so spannungsgeladenen Song, keinerlei Spannung zu erzeugen weiß, denn unter den Musikern ist da keine kreative Spannung wie einst zu Deep Purple Zeiten.

Stargazer

Dass Ronnie Romero allerdings ein starker Sänger ist, belegt er anschließend mit Rainbow-Songs, die einst Ronnie James Dio sang „Long Live Rock’n’Roll“ und „Stargazer“. Wer sich das Original von „Rising“ anhört, der weiß wie viel Magie hier fehlt. Dennoch ist die heutige Live-Interpretation gelungen.

„Smoke On The Water“ und ein Feuerwerk beenden die Show

Nach einer netten Version von Deep Purple’s „Black Night“, in der das Publikum über Minuten den Riff „Daaa-di-da-daaa, daaa-da-daaa-diii-da-diii-da-daaa, da-da, die-da!“ mitsummt, geht die Band von der Bühne. Blackmore kommt zunächst allein zurück und spielt seinen berühmtesten Riff der Rockgeschichte: „Smoke On The Water“. Ein Feuerwerk hinter der Bühne donnert für ein paar Sekunden lauter als die Musik und legt dann seinen schwelenden Rauch über das Publikum. Das Konzert ist vorbei.

Fazit: Ritchie Blackmore hat sich selbst redlich nachgespielt

Mit meinem Bruder Alex stapfe ich durch den unbeleuchteten Notausgang hinter der Bühne hoch zur schlammigen Wiese, wo mein Auto steht. Über eine Stunde lang stecken wir fest und sehen zu, wie andere Autos aus dem Dreck geschleppt werden. Und wir diskutieren, was wir da gerade erlebt haben. Um 2 Uhr morgens sind wir uns einig. Erstens: Ritchie Blackmore ist nicht mehr der aggressiv-virtuose Gitarrist, er ist nicht mehr der kreative Innovator, der er mal war; er hat heute seine eigenen jahrzehntealten Soli redlich nachgespielt, meist in nur gekürzten Versionen. Zweitens: Seine Band war gut. Der beste Mann auf der Bühne war Ronnie Romero, leider natürlich überfordert von dem Anspruch, die besten Originale einer Handvoll der besten Rocksänger hier live überzeugend zu bringen. Ich sehe ihn eher als Ersatz für Freddy Mercury, Romero sollte bei Queen einsteigen. Drittens: War die Magie da? Lupenrein steht in dieser Vollmondnacht auf der Wiese über der Loreley die Erkenntnis im Innenraum meines Autos: Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen.

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