Review

The Ritchie Blackmore Story

Ritchie-Blackmore-Story

Ein kleiner Club genialer Gitarristen hat Ende der 1960er Jahre die Rockmusik von britischem Boden aus revolutioniert: Jimi Hendrix, Eric Clapton, Jeff Beck, Jimmy Page und ein Mann in Schwarz namens Ritchie Blackmore.

In Blackmores 70. Lebensjahr erscheint jetzt „The Ritchie Blackmore Story“. In 134 Minuten erteilt der Meister selbst aktuelle Auskunft über seine Stationen bei Deep Purple, Rainbow und Blackmore’s Night. Ehemalige Bandmitglieder wie David Coverdale, Glenn Hughes, Jon Lord, Graham Bonnet und Joe Lynn Turner geben ihre Kommentare dazu. Prominente Journalisten und Bewunderer beschreiben Blackmores Wirkung. Allen voran Joe Satriani, Steve Vai, Brian May, Gene Simmons, Ian Anderson und Steve Lukather.

Blackmore am Holztisch mit Oberlippenbärtchen und Haarteil

Ritchie Blackmore sitzt an einem zünftigen Holztisch, sein schmales Oberlippenbärtchen ist frisch gestutzt, das künstliche Haarteil sitzt perfekt, der Hintergrund wirkt mittelalterlich. Wir sehen den 70-jährigen Gitarristen in bester Stimmung, teils mit Gattin Candice Night. Blackmore ist redselig und zu keinem Zeitpunkt unbescheiden. Denn er weiß um seine Bedeutung für die Rockmusik: Ohne seine virtuosen, aggressiven, lyrischen Soli und Riffs wäre die Rockmusik seit Anfang der 1970er Jahre nicht das gewesen, was sie für Millionen von Musikhörern war und ist. Ein Hort exstatischer Entladungen, faszinierender Bühnen-Duelle und wundervoller inspirierender Musik – von Deep Purples „Child In Time“, „Speed King“, „Smoke On The Water“, „Highway Star“ und „Burn“ zu Rainbows „Kill The King“, „Sixteenth Century Greensleeves“, „Stargazer“ und „Since You’ve Been Gone“ wären musikalische Kontinente verloren. Und der Heavy Metal nicht das, was er durch Blackmores Einfluss seit den 1980er Jahren bis heute ist.

„Doppelnamen waren damals im Trend, darum schlug ich Deep Purple vor“

Und so erzählt Ritchie Blackmore gerne mehrfach, dass er in der Schule ein ziemlicher Loser war, sich aber ein Ziel gesetzt hatte. Die Leute sollten über ihn sagen, dass er eine Sache wenigstens draufhätte: das Gitarrespielen. Der klassische Einfluss in seinem Spiel stammt, so beschreibt es Blackmore, aus den ersten Gitarrenstunden, in denen er „Greensleeves“ und andere Melodien der sogenannten „Alten Musik“ (Musik in Europa vor Bachs Tod im Jahre 1750) kennenlernte.

Seine ersten Stationen als Session-Gitarrist für The Outlaws, Screaming Lord Sutch, Jerry Lee Lewis und Tom Jones kommentiert Blackmore nur knapp. Da hätte ich mir Details gewünscht, die Blackmore in früheren Interviews kundtat: Seine enorme Schüchternheit, sein Drang eher in dunklen Bereichen der Bühne zu agieren, eben das, was sich ab 1968 dramatisch änderte, das erwähnt er nicht: Wie fand Blackmore so früh zu seiner enormen Technik? Wie entwickelte er seinen berauschenden Stil-Mix aus Klassik und Blues?
Die erste Begegnung dann mit Jon Lord beschreibt Blackmore als Wendepunkt, der „hatte es musikalisch drauf“. Dass Lord von den Investoren Tony Edwards und John Coletta beauftragt war, eine Band zu gründen, erwähnt Blackmore nicht, er erzählt die Geschichte andersherum. Der Ex-„Searchers“-Schlagzeuger und Sänger Chris Curtis hätte eine Band mit Blackmore gründen wollen und man sei Jon Lord dabei zufällig über den Weg gelaufen. Jedenfalls: Die Band „Deep Purple“ war geboren. Den Bandnamen hatte Blackmore vorgeschlagen, so berichtet er, weil es der Lieblingssong seiner Mutter war und außerdem, und das war Blackmores vorrangiger Grund, 1968 Doppelnamen bei Bands „im Trend“ gewesen seien, sein Beispiel: „Pink Floyd“.

Der Trailer zur „The Ritchie Blackmore Story“ von Eagle Rock

„Beim Concerto begriff mein Vater, dass ich etwas Bedeutendes machte“

Ein Konzert der frühen Led Zeppelin, erzählt Blackmore, überzeugte ihn Mitte 1969, dass Robert Plants Art zu singen und ekstatisch zu schreien, einen neuen Trend setzen würde. Daher musste der softe Sänger Rod Evans Deep Purple verlassen, mit ihm Bassist Nick Simper. Denn der neue Shouter Ian Gillan kam im Doppelpack mit Bassist Roger Glover. Blackmore kommentiert die erste Veröffentlichung der Deep Purple Besetzung Mark II „Concerto for Group and Orchestra“ (1969) mit dem Londonder Symphonieorchester mit beinahe rührenden Worten: „Mein Vater begriff zu dem Zeitpunkt, dass ich da etwas wirklich Bedeutendes machte.“ Der radikale Schwenk zum Hard-Rock des folgenden Albums „In Rock“ (1970) basierte, laut Blackmore, auf einer Abmachung zwischen Jon Lord und ihm. Entweder Blackmores Hard-Rock würde Deep Purple endlich groß machen oder Jon Lords klassische Vision für die Band wäre der Weg. „In Rock“ wurde ein Megaseller und katapultierte Deep Purple in die top 3 der Hard-Rock Bands der Zeit, neben Led Zeppelin und Black Sabbath. „Fireball“ (1971), ebenso ein Megaseller, sei „dann einfach zu schnell produziert worden“, so Blackmore knapp.

Ein Unglück in Montreux brachte den Welthit „Smoke On The Water“

Dafür habe man sich im Dezember 1971 für die Aufnahmen zum Album „Machine Head“ in der Schweiz mehr vorgenommen. Aber nichts kam wie geplant. Und das sollte ein Glücksfall werden. Der Brand während eines Frank Zappa & The Mothers Konzerts im Rahmen des Montreux Jazz Festivals und die über den Genfer See wabernden Rauchschwaden inspirierten Deep Purple zu „Smoke On The Water“, einem der populärsten Rocksongs überhaupt. In derselben Stimmung spielten Deep Purple einige ihrer stärksten Tracks ein: „Highway Star“, „Space Truckin'“ und „Lazy“. Blackmore erzählt, wie er den simplen Riff zu „Smoke On The Water“ brachte. Leider fehlt hier die Anekdote, dass die Band zu Claude Nobs, dem Chef des Montreux Jazz Festivals fuhren, ihm das Lied vorspielten und um seine Meinung baten, da ihnen der Song zu peinlich simpel erschien.

„Stormbringer hatte zu viel Funk, zu viel Soul. That’s not me!“

1973. Auf der Höhe des Erfolgs. Blackmore wittert einen neuen Trend: Der bluesige Gesang von Paul Rodgers (bis 1973 Sänger bei Free, danach Bad Company) erscheint ihm zukunftsträchtig. Blackmore konfrontierte Ian Gillan damit, der hatte die Nase voll, er stieg aus der Band aus; Blackmore verabschiedete ebenso Bassist Roger Glover. Leider kommen auch hier zu wenig Details zur Sprache. Was war mit den Sessions, die Blackmore in dieser Zeit mit Thin Lizzys Phil Lynott und Ian Paice spielte? Der Sänger-Bassist Glenn Hughes kam in die Band, abgeworben von Trapeze. Weshalb und wie aber wählten die Weltstars den unbekannten (und einzigartigen!) Sänger David Coverdale, der selbst zu Wort kommt mit „ich war damals Verkäufer in einer Boutique“. Die hinreißenden Alben „Burn“ (1974) in der neuen Mark III Besetzung und ebenso „Stormbringer“ (auch 1974) streift Blackmore nur kurz. Gerade „Strombringer“ aber sei für ihn Anlass gewesen, Deep Purple zu verlassen. Zu viel Funk, zu viel Soul. Blackmore: „That’s not me!“.

„Als ich seinen extra kurzgeschnittenen Nacken sah, hätte ich ihm am liebsten meine Gitarre übergezogen“

1975 stieg Blackmore aus und gründete „Ritchie Blackmore’s Rainbow“, ab 1977 schlicht „Rainbow“. Was hielt er von seinem Nachfolger bei Deep Purple, dem amerikanischen Fusion-Gitarristen Tommy Bolin? Leider erwähnt Blackmore ihn nicht. „Rainbow“ allerdings bot „eine noch höhere Dosis Ritchie Blackmore als je zuvor“, kommentiert Joe Satriani treffend. Die Traumbesetzung mit Ronnie James Dio am Gesang und Cozy Powell am Schlagzeug, so Blackmore, „habe eine Kreativität wie lange nicht mehr ermöglicht“. Dennoch: Dios Drachen- und Mystikwelt nervt Blackmore nach drei Alben. Dio ist raus; gesprochen haben beide nie wieder miteinander. Leider wird Dios wütendes Statement nicht erwähnt, denn seine Sicht der Trennung von Rainbow war eine völlig andere: „Ich ging, weil Ritchie mit Rainbow den Foreigner-Sound kopieren wollte!“ Doch noch war es nicht so weit. Erst kam Graham Bonnet. Der kommentiert seinen Einstieg bei Rainbow als Dios Nachfolger als verblüffendes Erlebnis: „Ich kannte die Songs nicht, die Musik war echt nicht meine.“ Blackmore lobt Bonnet noch heute: „Ein phänomenaler Sänger.“ Und trotz des kommerziell erfolgreichen Albums „Down To Earth“ scheiterte die Zusammenarbeit am Eigensinn beider Kontrahenten. Bonnet stand auf kurze Haare. Blackmore: „Ich hasste seine kurzen Haare. Die Leute wollten uns mit langen Haaren sehen. Als er zu einem Konzert mit extra kurzgeschnittenem Nacken auf die Bühne kam, hätte ich ihm am liebsten meine Gitarre übergezogen.“

Klangideal Foreigner

Und so fand Blackmore mit Joe Lynn Turner einen Sänger mit Mähne und der – Überraschung? – Foreigner-mäßig klang. Blackmore erwähnt es tatsächlich nicht im Interview, jedoch war diese Band ganz offensichtlich sein Klangideal Anfang der 1980er. Blackmore lobt ausgiebig den Rainbow Song „Street Of Dreams“ vom Album „Bent Out Of Shape“ (1983). Dieser sei „etwas ganz, ganz Besonderes“. Dies untermauert Blackmores Hang zu Foreigner. Nebenbei bemerkt: Diese krass kommerzielle Musik, ganz ohne Blackmores Elan und Spannung, enttäuschte mich damals maßlos.

„Zurück zu Deep Purple? Nicht reizvoll.“

Dann die Re-Union von Deep Purple Mark II 1984. Was Blackmore auch nicht erwähnt: Nick Simper und Rod Evans wollten Anfang der 1980er Jahre Deep Purple neu gründen, unter dem Namen „New Deep Purple“. Auch als Gegenreaktion trommelte das Management die komplette Mark II Besetzung zusammen. Es ging ums Erbe und vor allem ums große Geld. Blackmore: „Ich sagte widerwillig zu. Ich war zufrieden mit Rainbow und jetzt sollte es heißen zurück zu Purple? Nicht reizvoll.“ Das im Oktober 1984 erschienene Album „Perfect Strangers“ lobt Blackmore dennoch ausgiebig. Um dann den Gesang von Ian Gillan in dieser Phase zu geißeln: „Das war unterirdisch, das ging einfach nicht mehr, unmöglich.“ Die Bandmitglieder ließen sich überreden mit dem ex-Rainbow-Sänger Joe Lynn Turner „Slaves and Masters“ (1991) quasi ein Rainbow-Album aufzunehmen. Die Loyalitäten in der Band aber standen pro Gillan. Die Band holte ihn zurück. Ende 1993 ging Blackmore zum jetzt dritten Mal, erneut „wegen Gillans miesen Gesangsleistungen“. 1995 ließ Blackmore Rainbow mit komplett neuer Besetzung kurz aufleben. Seine Frau Candice Night singt hier bereits mit.

„Blackmore’s Night, wenn es das ist, was Ritchie machen will, dann macht er das halt.“

„Wir haben zunächst im Freundeskreis musiziert und einige Lieder komponiert“, sagt Candice Night, dann 1997 kam das erste Album der Band Blackmore’s Night heraus, das Projekt, das Blackmore bis heute verfolgt. Kommerziell erfolgreich. Blackmore betont, dass er hier seinen intuitiven Hang zur Musik des Mittelalters ausleben könne. Das Ergebnis sind freilich schlagerartige Popsongs garniert mit süßlichen Solos aus Blackmores nach wie vor fähigen Händen. Zehn Studioalben sind bis zum September 2015 bereits erschienen. Nicht anders als entschuldigend kommentiert zuerst David Coverdale und dann auch Steve Vai: „Wenn es das ist, was Ritchie machen will, dann macht er das halt.“

Nicht beabsichtigt, dennoch entlarvend: „The Ritchie Blackmore Story“

So krampfhaft lobhudelnd, oberflächlich und lückenhaft „The Ritchie Blackmore Story“ auch ist, so entlarvend sind die zwei Stunden doch: Ritchie Blackmore ist der Gitarren-Virtuose, ja, der Songs von einzigartiger Kreativität und Anziehungskraft geschaffen hat, ja, der Mitmusiker oft nur in ihrer Phase an seiner Seite zu Höchstleistungen getrieben hat, ja. Die andere Seite von Blackmore sehen wir nicht so gern: Blackmore ordnete sich immer bereitwillig dem Kommerziellen unter. Das war zunächst Hard-Rock, dann Heavy-Rock, dann Pop-Rock, jetzt Mittelalter-Pop. Und Ritchie geht bis zur Selbstverleugnung. Schaut hin, da sitzt er am Holztisch. Weil der Meister glaubt, seine Fans wollen ihn mit langer Mähne sehen, setzt er sich eben ein Toupet auf. Ehrlich, ich sähe ihn lieber ohne.

„The Ritchie Blackmore Story“ gibt es auf DVD, Blu-ray und ebenso in einer um einen Rainbow Live-Mitschnitt („Live in Tokyo 1984“) erweiterte Deluxe-Ausgabe.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden.
Hello. Add your message here.